Echte Lebensmittelsicherheit und -transparenz ist das, woran ich glaube und leidenschaftlich arbeite. Vor allem auch mit Blick auf aktuelle, branchenübliche Qualitätssicherungssysteme, die nicht frei von Risiken sind und im digitalen Zeitalter schnell zu großen Problemen führen können. So werden Compliance-Daten zwar größtenteils von vertrauenswürdigen Dritten geprüft – etwa von Labors, die regelmäßig Stichproben ziehen und die Ergebnisse in zentralen Datenbanken speichern. Solche Datenbanken sind jedoch anfällig für ungenaue Informationen, nur unzureichend vor Hacker-Angriffen geschützt, verursachen enorme Betriebskosten – und verleiten mitunter zu vorsätzlichen Fehlern, die auf Korruption und kriminellem Verhalten beruhen. Diesbezüglich denke ich zum Beispiel an den jüngsten Fleischskandal in Polen. Hier sollen kranke Tiere heimlich geschlachtet und das Fleisch anschließend in Umlauf gebracht worden sein. Mindestens 13 Länder sind davon bisher betroffen – wobei das gesamte Ausmaß noch nicht mal abschließend geklärt ist.

Könnten solche und ähnliche Gefahren dank Blockchain bald Geschichte sein? Was ist Blockchain überhaupt? Welche Potentiale gibt es? Welche Grenzen? Und welche Voraussetzungen bräuchte es, um einmal von Blockchain profitieren zu können? Ein wichtiges Zukunftsthema. Blockchain könnte die gesamte Lebensmittelbranche nachhaltig zum Guten verändern. 

Transparenz und Sicherheit? Dank Blockchain auf völlig neuer Ebene

Eine Blockchain ist eine virtuelle Kette von Datenblöcken, die kontinuierlich erweiterbar ist. Verkettet und verschlüsselt werden diese Datenblöcke anhand komplexer kryptographischer Verfahren. Als dezentralisierter Open-Source-Organismus speichert Blockchain alle Informationen dauerhaft und macht sie für alle Nutzer in Echtzeit nutzbar. Zum Beispiel könnte ein Lebensmittel-Einzelhändler anhand von Transaktionsdaten sehen, mit wem sein Lieferant Geschäfte macht. Informationen zu hacken und zu manipulieren ist so gut wie unmöglich, da sie nicht zentral an einem Ort, sondern verteilt auf verschiedenen anonymen Rechnern gespeichert werden. Welche Daten auf welchen Rechnern liegen, weiß niemand. Zurückzuverfolgen sind die Daten trotzdem, weil ihre Quellen transparent bleiben. Fast noch wichtiger ist jedoch, dass Blockchain den Datenaustausch zwischen den Akteuren einer Lebensmittel-Wertschöpfungskette viel leichter machen würde, weil sich auch die Transparenz massiv erhöht. Durch das Lesen zum Beispiel eines einfachen QR-Codes mit einem Smartphone könnten Daten wie das Geburtsdatum eines Tieres, der Einsatz von Antibiotika, Impfungen und der Ort, an dem das Vieh geschlachtet wurde, ganz einfach dem Verbraucher angezeigt werden. Mit alldem könnte Blockchain die Lieferkette auf eine völlig neue Transparenz-Ebene heben – wodurch viel zielgerichteter und besser auf mögliche Lebensmittel-Katastrophen wie BSE oder auch Kontaminationen reagiert werden kann.

Qualität vor allem wenn’s drauf ankommt. Für Global Player bis Local Hero

Weltkonzerne wie Nestlé und Unilever erwägen deshalb den Einsatz von Blockchain. Walmart, der in den USA 20 Prozent aller Lebensmittel verkauft, hat bereits zwei Pilotprojekte mit dieser Technologie abgeschlossen. Eines davon verlief so: In einem seiner Geschäfte führte der globale Handelsriese einen so genannten Traceback-Test mit Mangos durch. Vor Blockchain dauerte es 6 Tage, 18 Stunden und 26 Minuten, ehe die Mangos zu ihrer ursprünglichen Farm zurückverfolgt werden konnten. Doch durch die Verwendung von Blockchain konnte Walmart alle Informationen schon nach unglaublichen 2,2 Sekunden dem Verbraucher bereitstellen!

Da sind 6 Tage natürlich eine Ewigkeit – zum Beispiel bei kontaminierten Lebensmitteln. Diese könnte Blockchain leicht und schnell aufspüren, während die schadlosen Lebensmittel in den Regalen verbleiben und nicht auf Deponien verbracht werden. Somit würden Unternehmen nicht nur etwas gegen Lebensmittelverschwendung tun, sondern auch Leben retten können. Was natürlich auch nach dem Ausbruch von Tierkrankheiten der Fall wäre. 

Apropos Lebensmittelsicherheit: Lokale Betriebe wie Kindergärten und Altenpflegeheime legen großen Wert auf gesicherte, transparente LMIV-Daten. Blockchain könnte die Qualität von Lebensmittel-Datenbanken deutlich erhöhen – und so auch deren Nutzung durch Mitarbeiter. Alle Informationen wären in der Blockchain lückenlos bis zum Hersteller des Produktes ohne Manipulation einsehbar. Ergo gibt es keine Beweislast-Umkehr oder Zweifel, wer diese Information zu welchem Zeitpunkt bereitgestellt hat. Aufgrund zunehmender Vorschriften bei der Lebensmittel-Kennzeichnung macht es deshalb auch Sinn, über eine Gesetzesvorlage nachzudenken. Voraussetzung dafür wäre eine Verordnung, die eine lückenlose Transparenz, Kontrolle und Manipulationsverhinderung abdeckt – von der Urproduktion bis zum Teller. Dass dies in Schritten erfolgen muss, ist aufgrund der Komplexität und Größe des Marktes klar.

Der Preis macht die Musik. Auch für Landwirte

Blockchain macht Marktdaten leicht verfügbar und validierbar. Deshalb könnte die Technologie auch die Bedürfnisse von Landwirten ansprechen, da sie ihre Waren nun schneller verkaufen und angemessen entlohnt würden. Blockchain wäre vor allem für die Landwirte eine legitime Option, die beim Verkauf ihrer Waren auf Marketing-Boards angewiesen sind. Auch könnten Preiszwang sowie rückwirkende Zahlungen verhindert werden, die wir in der gesamten Lebensmittelversorgungskette derzeit noch sehen. Zudem ließe sich der Agrarlebensmittelsektor „überraschen“, indem Zwischenhändler eliminiert und die Transaktionsgebühren gesenkt werden. Dies kann zu faireren Preisen führen und sogar kleineren Zulieferern helfen, mehr Aufmerksamkeit auf dem Markt zu erhalten.

Grenzenlose Möglichkeiten? Noch nicht ganz

Für wirklich sichere und lückenlose Rückverfolgbarkeitssysteme könnte Blockchain die Basis-Technologie werden – die zudem aufgrund ihrer Architektur eine erschwingliche Lösung für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) wäre. Die Technologie steckt aber noch in den Kinderschuhen – womit bemerkenswerte Einschränkungen verbunden sind. Die Datenmenge, die zurzeit verarbeitet werden kann, ist begrenzt. Bis alle Daten verfügbar und zugänglich wären, müssten sehr viele Verträge zwischen Organisationen verhandelt, abgeschlossen und gesichert werden, um ein gewisses Maß an Vertraulichkeit zu wahren. Wie Vertraulichkeit und Transparenz wiederum in Einklang zu bringen sind, muss erarbeitet werden. Dafür gibt es derzeit noch keine einfache Lösung. Der Agrar- und Lebensmittelsektor ist nun mal voller Geheimnisse. Zudem wäre die Blockchain-Technologie, wie sie derzeit eingesetzt wird, für viele Lebensmittelunternehmen problematisch – denn für viele ist sie nur eine Lösung, die ein Problem sucht. Kurz gesagt: Einige Unternehmen wie Walmart haben mehr Macht und Einfluss auf andere, kleinere Unternehmen in derselben Lieferkette. Walmarts Blockchain wird wahrscheinlich erfolgreich sein, weil es Walmart ist. Doch tausende von anderen Unternehmen haben nicht die gleiche Schlagkraft.

Hinzu kommt, dass die meisten Verbraucher noch sehr skeptisch sind, weil sie nicht einschätzen können, welches Potential die Blockchain-Technologie hat. Andererseits vollziehen sich deren Architekturen, Anwendungen und Geschäftskonzepte rasant – was zum Beispiel auch für Regierungen eine Herausforderung ist. Bei Lebensmitteln ist Innovation immer erstrebenswert, wenn sie wirklich wird. Einige Organisationen machen Fortschritte, während andere abwarten, was passiert. Und damit nicht genug, heizt das von vielen als irrational und lächerlich bezeichnete Bitcoin-Phänomen den Markt mit Verwirrung an. Diese und andere Kryptowährungen ermöglichen Transaktionen mit Blockchain-Technologie zwar, sind jedoch nur eine Option.

Mein persönliches Fazit: Potentiale durch Teilnahme ausschöpfen

Blockchain ist meiner Meinung nach nicht das Allheilmittel für eine Vielzahl von Themen – zumindest noch nicht beim heutigen Stand der Technik. Dennoch besitzt diese Technologie großes Potential, um die Lebensmittelbranche bei Datensicherheit und -transparenz zu revolutionieren. Die wichtigste Herausforderung für die Blockchain-Technologie ist deshalb die Teilnahme. Alle Parteien müssten die Technologie übernehmen, damit sie funktioniert. Eine erfolgreiche Integration der Blockchain erfordert das Engagement aller beteiligten Organisationen, gerade auch in der Landwirtschaft. Führende Vertreter der Industrie sollten die Blockchain als Chance nutzen und zu einer Digitalisierungsstrategie beitragen, die derzeit die gesamte Lebensmittelbranche betrifft. Transparenz, Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit des Lebensmittelsektors könnten deutlich verbessert werden.

Dennoch sollte untersucht werden, wie evidenzbasierte Blockchain-Lösungen zur Demokratisierung von Daten für das gesamte System erstellt werden können – bevor die Aufregung zu groß wird etwas zu versäumen.

Herzlichst,
Ihr Thomas Primus

Thomas Primus

CEO & Co-Founder von FoodNotify

Der studierte Betriebswirt Thomas Primus mit großer Leidenschaft für Lebensmittel, IT und Gamification kehrte 2013 der Finanzindustrie den Rücken. 2014 gründete er mit 3 Partnern sein eigenes Unternehmen, FoodNotify. Das IT-Unternehmen entwickelt cloud-basierte, unabhängige digitale Lösungen für die Gastronomie-Branche und gilt als Pionier bei der Digitalisierung der Lebensmittelbranche und von Lebensmitteldaten. Sein Steckenpferd ist die Vorhersage von Warenflüssen in der Gastronomie.